Wie wichtig ist ein hoher Dynamikumfang?

Nachdem auch der letzte Fotointeressierte verstanden hat, dass "mehr Megapixel" nicht unbedingt nur Vorteile bieten und die Anzahl der Pixel auf dem Sensor nun nicht mehr das primäre Verkaufsargument für neue Kameras darstellt, erhebt die Fotoindustrie den so genannten Dynamikumfang (alias Kontrastumfang oder Dynamic Range) zum neuen heiligen Gral der Kameratechnik. Aktuell steigen viele Fotografen sogar von Canon und Nikon zu Sony um, weil die Sony-Kameras angeblich einen höheren Dynamikumfang abbilden können. Aber welche konkreten Auswirkungen hat ein limitierter oder höherer Dynamikumfang auf meine Fotografien?

 

Zunächst muss man wissen, dass das menschliche Auge bzw. die Signalverarbeitung in unserem Gehirn Helligkeitsunterschiede unserer Umgebung von etwa 20 Blendenstufen wahrnehmen kann (die Angaben im Netz differieren hierzu, eine wissenschaftlich exakte Angabe ist zum Verständnis jedoch nicht erforderlich, weshalb ich auf weitergehende Recherchen verzichtet habe). Die Sensoren moderner Kameras kommen im Schnitt etwa "nur" auf 12 Blendenstufen zwischen dem hellsten Weiß und dem dunkelsten Schwarz.

 

Das bedeutet, es gibt ein Delta zwischen dem, was wir sehen, und dem, was die Kamera "sieht" und in den Bildinformationen der Fotodatei speichert. Wenn die folgende Skala den Dynamikumfang der menschlichen Helligkeits-Wahrnehmung darstellt, links die dunkelsten Details, die wir noch imstande sind wahrzunehmen, rechts die hellsten Details, dann bildet eine Kamera nur etwas mehr als die Hälfte davon ab. (Die Darstellungsweise habe ich übrigens dem am Ende dieses Blogposts verlinkten Video von Sean Tucker entliehen).

 

 

Wenn wir also in den Schatten noch Details erkennen, ist das für die Kamera schon komplett Schwarz. Und wenn wir z.B. in den weißen Wolken noch Zeichnung sehen, ist das für die Kamera schon komplett Weiß (man sagt auch "ausgebrannt" oder "ausgefressen" dazu).

 

Wenn wir versuchen, die Belichtung des Fotos so zu verändern, dass die Schatten aufgehellt werden, beispielweise durch Verlängerung der Belichtungszeit, werden noch mehr überbelichtete Bereiche entstehen, die wir im Foto als komplett weiße Flächen wahrnehmen.

 

Umgekehrt können wir versuchen, die hellen Bildstellen so zu belichten, dass keine "ausgebrannten" Stellen entstehen und wir auch in fast weißen Flächen noch genug Details erkennen. Dann werden allerdings Teile des Fotos in komplettem Schwarz "absaufen".

 

Da die Digitalkameras noch einige Entwicklungszeit brauchen werden, um den kompletten Dynamikumfang menschlicher Wahrnehmung akurat abbilden zu können, verwendet man einen Trick: Es werden durch den Fotografen oder durch eine spezielle Funktion der Kamera einfach drei (oder mehr) Fotos in einer Belichtungsreihe erstellt, die anschließend miteinander verrechnet werden, um einen größeren Dynaikumfang abzudecken. Diese Funktion nennt sich High Dynamic Range (HDR).

FAZIT:

  1. So lange der technisch abbildbare Dynamikumfang nicht identisch ist zu der menschlichen Wahrnehmung, gibt es so etwas wie eine "richtige Belichtung" nicht! Ein Foto ist dann richtig belichtet, wenn es den Dynamikumfang voll ausnutzt, auch wenn es auf der einen oder der anderen Seite der Skala ein Delta gibt, es also in Teilen über- oder unterbelichtet ist.
  2. Fotografieren ist nicht die Abbildung der Realität, sondern vielmehr die Entscheidung, welchen Teil der Realität der Fotograf weglässt, um den Blick des Betrachters auf das Motiv zu lenken und damit die Bildaussage zu erzeugen oder zu verstärken.
  3. Die Limitierung durch die Technik ist weniger ein Handycap als viemehr ein fotografisches Gestaltungsmittel, das der Fotograf bewusst einsetzen sollte, um seine Fotos zu verbessern.

Ich glaube nicht, dass sich der Betrachter gerne durchschnittlich belichtete Fotos anschaut. Auch der Versuch, den Dynamikumfang eines Fotos durch das Zusammenrechnen mehrerer Fotos zu erweitern, mag zwar technisch gesehen richtig sein, ästethisch sind solche Fotos aber nicht selten fragwürdig, insbesondere wenn die Bildbearbeitung vom Fotografen übertrieben wurde.

 

Ich glaube vielmehr, dass Fotografie die Extreme nutzen darf und auch sollte. Ein überbelichtetes Foto finde ich persönlich eher unschön, ja vielleicht sogar unnatürlich, denn mir fällt kein natürliches Phänomen ein, das einem überbelichteten Bild entspräche. Ein unterbelichtetes Foto hingegen, in dem die Schatten dominieren, die Lichter aber nicht ausgefressen sind, sondern Zeichnung aufweisen, empfinde ich als stimmiger und viel spannender. Insofern halte ich es mit dem Fotografen Nigel Parry, dem das folgende Zitat zugeschrieben wird: "Die Leute verstehen nicht, dass der Schatten wichtiger ist als das Licht."

 

In diesem Sinne empfehle ich Ihnen die beiden folgenden Videos, die mich zu diesem Blogpost inspiriert haben:

 


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